Warum offene Schulen wichtig sind

Wiener Zeitung

Dr. Gabriele Lang wurde von der  Wiener Zeitung um einen Gastkommentar ersucht.

Wenn die Schule brennt, wissen Lehrer ganz genau, was zu tun ist und wie sie ihre Schüler aus der Gefahrenzone bringen. Jetzt heißt das Feuer Corona. Ein klarer Einsatzplan für die Schulen fehlt jedoch, obwohl in Österreich mittlerweile zwanzig Monate seit dem Ausbruch der Pandemie vergangen sind. Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken. Krisen schwemmen Systemfehler schnell an die Oberfläche. Das Schulsystem ist wie ein großes Unternehmen. Momentan erleben wir in Österreich ein Komplettversagen des Managements. Der größte Fehler liegt in der unklaren Kommunikation. Ministerium, Bildungsdirektionen und Direktoren kommen zu keinem Konsens und delegieren an Eltern und Kinder weiter. Dazwischen sind die Lehrer. Unklare Kommunikation führt zu Chaos und wirkt demotivierend.

Sollen die Schulen offenbleiben? In Krisen ist es notwendig, das große Ganze im Blick zu haben. Die Bildung unserer Kinder prägt unsere Zukunft. Aus ganzheitlicher Sicht spricht alles für offene Schulen: Die Schule gewährleistet eine gewisse Struktur und Stabilität sowie Anregungen unabhängig von familiären Möglichkeiten und Situationen. Die regelmäßigen Testungen jedes Schülers minimieren das Risiko einer unentdeckten Infektion. Offene Schulen sorgen für eine Trennung von Lernzeiten und Freizeit und verhindern eine Doppel- oder Mehrfachbelastung der Eltern.

Aus psychologischer Sicht sind offene Schulen für Kinder aus mehreren Gründen wichtig. Die Schüler haben den für ihre Entwicklung und ihr psychisches Wohlbefinden so wichtigen Kontakt mit Gleichaltrigen. Homeschooling hingegen kann unter Umständen zu „Isolation Fatigue“, einem schleichenden Motivationsverlust, führen. Virtuelle Interaktionen, etwa via Zoom, sind zusätzlich anstrengend und bedürfen oft spezieller didaktischer Zugänge, die die Beteiligten nicht immer beachten oder beherrschen.

Zahlreiche Studien belegen, dass Stress, Ängste und Depressionen bei Kindern seit Corona deutlich zugenommen haben. Erhöhter Stress wiederum beeinflusst das Essverhalten und den Medienkonsum. Frust wird dann mit Essen, Fernsehen oder Computerspielen kompensiert. Zudem bewegen sich viele Kinder seit Beginn der Pandemie generell weniger, da Freizeiteinrichtungen phasenweise gesperrt sind und der Turnunterricht nur noch eingeschränkt stattfindet. Generell ist zu beobachten, dass die Frustrationstoleranz sinkt und Konflikte stärker aufkommen. Die Planbarkeit nimmt ab, dafür ist mehr Flexibilität gefordert, was ein Unsicherheitsgefühl nach sich zieht.

Dr. Gabriele Lang ist Psychologin. Als Geschäftsführerin von UP’N’CHANGE und Create Success Consulting widmet sie sich dem sozialen Wandel und der Teamarbeit und bietet digitale Tools zur Entwicklung essenzieller sozialer Kompetenzen an. Sie lebt und arbeitet als berufstätige Mutter in Wien.

Anbei der Beitrag als pdf.


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